sowie zur Arzneimittelversorgung und psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen

Sitzung der Kinderkommission im Paul Löbe Haus, Berlin am 23.02.2011

von Frau Dr. Mund

 

Anwesend:

  • Marlene Rupprecht – Vorsitzende, SPD
  • Eckhard Pols, CDU (nahm nur zum Ende der Sitzung teil)
  • Nicole Bracht-Bendt, FDP
  • Katja Dörner, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • Diana Golze, DIE LINKE

Eingeladene Experten:

  • Frau Dr. med. Christa Schaff, stellvertretende Vorsitzende des Berufsverbands für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland e. V. (BKJPP)
  • Herr Prof. Dr. med. Dr. h. c. Wolfgang Rascher, Direktor Kinder- und Jugendklinik Erlangen
  • Herr Prof. Dr. med Dr. h.c. Hubertus von Voss, Vorstandsvorsitzender Kindernetzwerk
  • Herr Dr. Thomas Stracke, Bundesministerium für Gesundheit

 

Die Kommission zur Wahrnehmung der Belange der Kinder (Kinderkommission, KiKo) gibt es seit 1988. 2002 gab es einen Antrag aller Fraktionen, die medizinische Versorgung aller Kinder und Jugendlichen zu sichern, bzw. zu verbessern. Der anberaumte Termin diente zur Überprüfung der seither stattgefundenen Maßnahmen und Darstellung der bestehenden Situation auf dem Gebiet von AD(H)S und verwandten Störungsbildern.

Aus vielen Einzelinformationen, die von den eingeladenen Fachleuten gegeben wurden, schälten sich einige Hauptpunkte heraus:

  1. Es gibt in Deutschland zu wenig Kinderstudien, die sich mit der Problematik der richtigen Dosierung von Arzneimitteln beschäftigen; in den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Praxen sind zu wenig einsetzbare Medikamente verfügbar, die Kindern mit psychischen Störungen mit „gutem Gewissen“, weil nebenwirkungsvertretbar, verordnet werden können.

  2. Die Anzahl der Kinder- und Jugendpsychiatriepraxen ist in den letzten Jahren gestiegen. Zurzeit bestehen deutschlandweit 800 Praxen, von denen 400 sozialpsychiatrische Praxen sind, d.h. Praxen deren personelle Zusammensetzung, Ausstattung und Struktur durch die Bestimmungen der Sozialpsychiatrie-Verordnung vorgegeben ist. Das Team besteht aus einem Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder einem Kinderarzt, Nervenarzt oder Psychiater mit mindestens zweijähriger kinder- und jugendpsychiatrischer Qualifikation. Zusätzlich müssen mindestens ein Heilpädagoge und ein Sozialarbeiter oder andere nicht-ärztliche Fachleute mit vergleichbarer Qualifikation im Umfang von mindestens 1,5 Vollzeitstellen dem Team angehören. Eine darüberhinausgehende Zusammenarbeit mit anderen Therapeuten muss nachgewiesen werden (Stellungnahmen, 24.02.2011)

  1. Dennoch bestehen zu lange Wartezeiten im Einzelfall (zwischen zwei und sechs Monaten), die dringend verkürzt werden müssen.

  2. Ob genetische Ursachen (Schaff) oder nur eine genetische Disposition (von Voss, Rascher) einer AD(H)S zugrunde liegen, ist umstritten. Wichtig ist die klare Unterscheidung von AD(H)S und AD(H)S-Symptomen. Nichtärztliche Therapeuten sprechen von der Symptomatik einer AD(H)S, nicht von deren Ätiologie.

  3. Zur Behandlung von AD(H)S ist der Wirkstoff Methylphenidat das Mittel der Wahl. Bei richtiger Dosierung sind körperliche Nebenwirkungen gering. Frau Dr. Schaff wies jedoch auf die ihrer Meinung nach zu wenig gesehenen psychischen Nebenwirkungen wie Verstimmungen/Depressionen hin.

  4. Nachdem es, nicht nur in Deutschland, in den letzten Jahren teilweise zu massiven Verordnungsschwemmen gekommen ist, scheinen die Verordnungen von Methylphenidat leicht rückläufig zu sein. Grund dafür ist eine bessere Diagnostik der Kinder und eine damit einhergehende genauere Dosierung der Medikamente sowie die neuen Richtlinien des GBA, die auf eine Spezialisierung des verordnenden Arztes drängen.

  5. In Baden Württemberg besteht ein AD(H)S-Vertrag, der u. a. mit ADHS-Deutschland ausgearbeitet und allen Krankenkassen angeboten wurde. Dabei geht es um die Installierung von interdisziplinär besetzten AD(H)S-Teams, in denen alle Fachrichtungen (Kinderärzte, Kinder- und Jugendpsychiater, Kinderpsychotherapeuten) zusammenarbeiten zum Wohl der betroffenen Kinder, ihrer Familien und ihres Umfeldes. Nur die BKK hat diesen Vertrag angenommen. Anfragen an die anderen Kassen, ein AD(H)S- Elterntraining als Kassenleistung aufzunehmen, scheiterten bislang. Frau Rupprecht schlug die Vermittlung des BGM vor.

  6. Herr von Voss wies auf die dringend zu verbessernde Situation von Jugendlichen mit psychischen Beeinträchtigungen/AD(H)S hin, um die sich auch die Kinderkommission kümmern müsse. Problemen wie Off-Label-Use und psychosoziale Beeinträchtigungen, die betroffene Jugendliche seit ihrer Kindheit mit“schleppen“, müssen begegnet werden

Die Diskussion zwischen allen Beteiligten war konstruktiv und informativ. Auch wurde auf die Wichtigkeit der Selbsthilfe und ihre Einbeziehung in die Ausgestaltung der Therapielandschaft hingewiesen.

Zum Ende der Sitzung stellte KIPKEL sich vor, ein Verein zur Unterstützung von Kindern Psychisch Kranker Eltern, der im südlichen Kreis Mettmann verortet ist.

Bericht Dr. Annette Mund, BVAD e.V.; Zuhörer der Sitzung

 

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